Politiker live!
Beitrag von Sarah, 9. September 2006
Plötzlich wurden die hübschen Plakate lebendig. Ich durfte einfach mal zurückgrinsen, als die Nummern 1 bis 3 meines Erststimm-Wahlzettels vor mir saßen. Es waren ca. 2 Meter, die mich von den Menschen, denen ich vielleicht mein Kreuzchen widmen werde, trennten.
Leider glich die Atmosphäre weniger der einer schicken Polit-Talkshow im Fernsehen. Ich saß in der Aula meiner Schule. Die Politiker nahmen hinter den Tischen platz, auf denen ich normalerweise meine Klausuren schreibe. Der einzige Unterschied war, dass ein paar Gläser und Mineralwasser kunstvoll auf einer bunt karierten Papierserviette drapiert waren.
Das spannendste war die Vorstellungsrunde.
Frau Renate Harant (SPD), als einzige Frau, durfte natürlich beginnen und womit fängt man an, um Sympathie bei den Zuhörern zu wecken? Man versucht eine Verbindung zum Publikum aufzubauen. Und wie praktisch: ihr Sohn hat auf unserer Schule Abitur gemacht. Von Beruf sei sie Lehrerin und genauso sah sie auch aus: „Mittelalter“, kurzer Haarschnitt mit blonden Strähnchen, Brille. Sie plauderte ein bisschen von ihrem Abgeordneten-Dasein und dass sie die jüngste Schulreform mitverbrochen habe. Da sie vor den Opfern dieses Werkes saß, brachte ihr das nicht gerade Pluspunkte ein.
Begleitet wurde sie von ihrem Parteikollegen Dirk Retzlaff, auch er posaunte gleich heraus, dass er auf dieser Schule war und bemerkte, dass sich seitdem (und das muss schon lange her sein) kaum was verändert habe, wobei er den Blick durch die Aula schweifen ließ. Die kaputten Vorhänge waren wohl in den 70ern mal modern.
Herr Ernst Welters (PDS) saß etwas abseits zur Linken und berichtete, dass er den schönen Beruf des Konfektmachers lernen durfte. Man sah ihm an, dass er gern mal nascht. Auch sonst machte er auf den ersten Blick einen gemütlichen Eindruck. Grauer Rauschebart, bequeme Sitzposition, gefälliges Lächeln.
Als letzter kam Oliver Scholz (CDU) an die Reihe. Im Gegensatz zu den anderen, stand er sofort auf und verpackte schon politische Statements in die Vorstellung: Seine Tochter sei gerade auf dem privaten evangelischen Gymnasium eingeschult worden und gehöre damit zum kleinen Kreis der Glücklichen.
Nach der Vorstellung und den ersten „Lauter bitte!“-Rufen aus den letzten Reihen, mussten sich die Volksvertreter gleich den Fragen der Schüler stellen – und die waren gar nicht harmlos. Im Laufe der Stunde entwickelten sich die Umgangsformen von: „Hab ich Sie jetzt richtig verstanden…“, über „Sie wollen doch nicht ernsthaft behaupten…“ bis hin zu „Was ist das denn für ein Schwachsinn!“. Die Politiker blieben erstaunlich gelassen und reagierten meist konstruktiv.
Inhaltlich ging es hauptsächlich um Bildung und die große Frage der „Gemeinschaftsschule“ bis zur 10. Klasse. Herr Welters will in Sachen Bildung erstmal herumexperimentieren, Herr Retzlaff ist für Lernen aller unter einem Dach, Frau Harant für Ganztagsschulen und Herr Scholz für eine größere Vielfalt an Spezialschulen.
Nach dem die Vor- und Nachteile heiß diskutiert wurden, kam endlich die interessanteste Frage. „Was sie alles machen wollen ist ja schön und gut, aber wie soll es eigentlich finanziert werden?“
Tja, da waren dann plötzlich alle mit ihrer Weisheit am Ende. Frau Harant setzt ihre Hoffnungen auf die Klage Berlins auf Unterstützung der Länder. Herr Scholz will, dass Schwarzarbeit intensiver bekämpft wird. Aber wirklich überzeugt klang keiner.
Alles in allem war die Runde unterhaltsam und einem wurde einmal mehr klar, dass niemand ein Patentrezept für Berlins Probleme hat. Meiner Wahlentscheidung hat es mich leider kaum näher gebracht. Im Gegenteil: Jeder Politiker konnte ja nachvollziehbare Argumente für seine Positionen nennen. Auch was ich vorher ausgeschlossen hatte, scheint plötzlich gar nicht mehr so unmöglich.
Artikel-Link: http://jungwaehlerblog.wahlgangberlin06.de/politiker-live