Wir leben im Jahre 1947
Beitrag von mathias, 1. September 2006
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Der letzte Winter war katastrophal. Über 1100 Berliner sind erfroren oder an Entkräftung gestorben. Seit zwei Jahren hält die Rote Armee die Kontrolle über die Stadt, immer stärker wird der Verkehr zwischen der Bi-Zone und Westdeutschland behindert. Doch immerhin: “Der Schutt ist abgeräumt. Wir leben nicht mehr im Jahre 1945, sondern wir leben im Jahre 1947.”
Das ist zumindest die Analyse des Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin. Grund dieser zeithistorisch einigermaßen gewagten These ist für den SPD-Mann die wirtschaftliche Lage der Hauptstadt: „Wenn man sich die Zahlen ansieht, die der Wirtschaft, der Migranten, des zahlenden Kulturpublikums, dann sieht man, dass Berlin eben doch nur eine durchschnittliche Stadt ist“, sagte Sarrazin [1] gegenüber der ZEIT.
Es überrascht nicht, dass der Senator mit seiner Einschätzung, man müsse Berlin weniger mit München oder Hamburg vergleichen, sondern eher mit Essen oder Dortmund, das gesamte politische Spektrum aus dem Winterschlaf des vor sich hin dümpelnden Wahlkampfes reißt.
CDU-Spitzenkandidat Pflüger freut sich zwar, dass sich Sarrazins Einschätzung mit seiner eigenen deckt und nutzt die Gelegenheit, um auf die 300000 Arbeitslose des Landes hinzuweisen. Dann erinnert er sich aber an seinen Vorwurf an Wowereit, er würde die Stadt „schlechter machen, als sie ist“ und findet die Analyse des Senators dann doch „daneben“. FDP-Fraktionschef Lindner bedankt sich bei Sarrazin. Er habe mit seiner „Ehrlichkeit“ den „Märchenonkel Wowereit“ bloßgestellt. Das unterscheide ihn „von den anderen rot-roten Schaumschlägern“. Grünen-Spitzenkandidatin Eichstädt-Bohlig wirft dem Finanzsenator vor, er denke „nur in Zahlen“ und interessiere sich nicht für die Zukunfstgestaltung.
Zwei Wochen vor der Wahl hätte es sicher Aussagen gegeben, über die man sich im Willy-Brandt-Haus mehr gefreut hätte – also reiht sich auch die eigene Partei in die muntere Riege der Kritiker ein. Das sei „ein typischer Sarrazin“ ist da vom Regierenden Bürgermeister zu hören, „er sollte sich auf seine Arbeit beschränken.“ schäumt Parteichef Müller, der historische Vergleiche offenbar sowieso nicht mag, damit sollten „alle aufhören“.
Beim allgemeinen Sarrazin-Bashing wirkt der Koalitionspartner Linkspartei.PDS vergleichsweise gelassen. Der historische Vergleich sei zwar „unangebracht“, so Landeschef Leder, grundsätzlich stimme aber die Analyse, dass der Schutt weggeräumt sei, die Aufbauarbeit aber noch anstünde.
Sicher fühlen sich nur wenige Berliner wohl in der Vorstellung, eher in Essen als in Hamburg zu leben, wahlkampftaktisch dürfte Sarrazin seiner Partei eher geschadet haben. Und ob er im Falle eines Wahlsieges überhaupt Senator bleibt, ist nicht sicher – es ist nicht das erste Mal, dass Sarrazin mit unbequemen Äusserungen die Genossen ärgert.
Trotzdem: Sarrazin war nur ehrlich und hat für eine These gesorgt, die sich von den Nullphrasen, die im bisherigen Wahlkampf zu hören waren, abhebt. Schade, dass er schon wieder [2] zurück gerudert ist.
Artikel-Link: http://jungwaehlerblog.wahlgangberlin06.de/sarrazin_-wir_leben_im_jahre_1947
URLs in this post:
[1] gegenüber der ZEIT: http://www.zeit.de/2006/36/Berlin-Probleme?page=all
[2] zurück gerudert: http://www.presseportal.de/story.htx?nr=867156